Polen ist inzwischen die sechstgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union. Rund 923 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung, kräftiges Wachstum, steigende Investitionen und ein Binnenmarkt, der zunehmend an Stärke gewinnt. Deutschland bleibt zwar mit großem Abstand die Nummer eins in der EU, doch dieser Titel wird immer mehr zur Erinnerung an bessere Zeiten. Während Polen aufholt, tritt Deutschland auf der Stelle – und die politische Führung verkauft Stillstand weiterhin als verantwortungsvolle Transformation.

Der Unterschied könnte kaum deutlicher sein. Polen wächst, Deutschland reguliert. Polen investiert, Deutschland diskutiert. Polen baut Infrastruktur, Deutschland gründet Arbeitskreise. Polen will Industrie, Arbeitsplätze und Wohlstand. Deutschland behandelt seine Industrie inzwischen wie einen lästigen Klimasünder, der sich für seine Existenz zu entschuldigen hat.

Das ist kein Zufall und erst recht kein unabwendbares Naturereignis. Der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands ist politisch verursacht.

Über Jahre wurden Kernkraftwerke abgeschaltet, Kohlekraftwerke bekämpft, Energie verteuert und Unternehmen mit immer neuen Vorschriften überzogen. Gleichzeitig explodierten Steuern, Sozialabgaben, Netzentgelte und bürokratische Pflichten. Wer in Deutschland eine Fabrik bauen möchte, braucht Geduld, Anwälte und beinahe religiösen Glauben an die Leistungsfähigkeit der Verwaltung. Wer sie in ein anderes Land verlegt, bekommt häufig günstigere Energie, schnellere Genehmigungen und eine Regierung, die sich über industrielle Arbeitsplätze tatsächlich noch freut.

Polen hat verstanden, dass eine Volkswirtschaft nicht von Haltungsnoten, Klimakonferenzen und staatlich finanzierten Kampagnen lebt. Wohlstand entsteht durch Menschen, die arbeiten, investieren, produzieren und Risiken eingehen. Er entsteht durch funktionierende Infrastruktur, verlässliche Rahmenbedingungen und bezahlbare Energie. Genau diese Grundlagen werden in Deutschland seit Jahren systematisch beschädigt.

Natürlich ist auch der polnische Aufstieg kein reines Wirtschaftswunder. Das Land profitiert erheblich vom europäischen Binnenmarkt, von ausländischen Investitionen und von milliardenschweren EU-Mitteln. Auch das hohe polnische Staatsdefizit darf nicht unter den Tisch fallen. Wer aus Polen ein vollkommen schuldenfreies marktwirtschaftliches Paradies machen möchte, ersetzt Analyse durch Wunschdenken.

Doch gerade diese Einordnung macht das deutsche Versagen noch beschämender. Auch Deutschland besitzt Zugang zum Binnenmarkt. Deutschland verfügte über hervorragende Infrastruktur, international erfolgreiche Industrieunternehmen, zuverlässige Energieversorgung, gut ausgebildete Fachkräfte und enorme technologische Fähigkeiten. Die Voraussetzungen waren nicht nur gut, sondern außergewöhnlich. Und trotzdem gelang es der deutschen Politik, aus diesem Vorsprung eine jahrelange Stagnation zu machen.

Polen musste sich seinen Wohlstand nach dem Ende des Kommunismus mühsam erarbeiten. Deutschland musste seinen Wohlstand lediglich bewahren. Selbst das hat Berlin nicht geschafft.

Statt die Ursachen des Niedergangs zu beseitigen, antwortet die Bundesregierung mit neuen Schulden, Subventionen und staatlich inszenierten Investitionsversprechen. Erst macht die Politik den Standort unattraktiv, anschließend verteilt sie Steuergeld an ausgewählte Unternehmen, damit diese trotzdem bleiben. Das wird dann „Transformation“ oder „Wirtschaftswende“ genannt. In Wahrheit ist es die kostspielige Reparatur jener Schäden, die dieselben politischen Kräfte zuvor angerichtet haben.

Besonders dreist ist die Behauptung, äußere Krisen seien allein für die deutsche Schwäche verantwortlich. Pandemie, Ukrainekrieg, Energiepreise und weltweite Handelskonflikte treffen auch andere europäische Länder. Trotzdem wächst Polen deutlich stärker. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie ein Staat auf Krisen reagiert. Warschau sucht wirtschaftliche Chancen. Berlin nutzt jede Krise als Begründung für noch mehr Staat, noch mehr Schulden und noch mehr Kontrolle.

Während polnische Städte moderner werden, neue Straßen, Bahnverbindungen, Produktionsstätten und Technologiezentren entstehen, diskutiert Deutschland über marode Brücken, verspätete Züge, Funklöcher und Behörden, die noch immer Faxgeräte verteidigen. Aus dem einstigen industriellen Kraftzentrum Europas ist ein Land geworden, das an seinen eigenen Formularen erstickt.

Deutschland ist noch immer wesentlich wohlhabender und wirtschaftlich größer als Polen. Niemand sollte aus einer Rangliste einen unmittelbar bevorstehenden Machtwechsel herbeifantasieren. Aber genau darin liegt die Warnung: Wirtschaftlicher Abstieg geschieht nicht über Nacht. Er beginnt mit jahrelanger Stagnation, sinkenden Investitionen, schleichendem Arbeitsplatzverlust und einer politischen Klasse, die jedes schlechte Ergebnis sprachlich schönfärbt.

Polens Aufstieg ist deshalb mehr als eine Erfolgsmeldung aus dem Nachbarland. Er ist ein Spiegel, in den Berlin nur ungern blickt. Er zeigt, was möglich ist, wenn ein Land wirtschaftlich vorankommen will – und was geschieht, wenn eine Regierung den eigenen Wohlstand für selbstverständlich hält.

Deutschland fehlt es nicht an Kapital, Wissen oder fleißigen Menschen. Es fehlt an einer Politik, die diese Kräfte endlich wieder arbeiten lässt. Energie muss bezahlbar, Bürokratie drastisch reduziert, Arbeit entlastet und unternehmerische Freiheit wiederhergestellt werden. Vor allem muss Schluss sein mit einer Politik, die jede wirtschaftliche Tätigkeit zuerst unter ideologischen Verdacht stellt.

Polen steigt auf. Deutschland stagniert. Und solange Berlin diesen Unterschied nicht als Alarmsignal begreift, wird aus dem polnischen Aufholen irgendwann ein deutsches Zurückfallen.