Hamburg ist reich. Der Haushalt wächst, die Steuereinnahmen sprudeln, und für immer neue politische Prestigeprojekte scheint Geld vorhanden zu sein. Doch ausgerechnet jene Menschen, die diese Stadt über Jahrzehnte aufgebaut, ihre Betriebe am Laufen gehalten und ihre Beiträge gezahlt haben, müssen im Alter jeden Euro zweimal umdrehen.

Die aktuellen Zahlen sind eine schallende Ohrfeige für den rot-grünen Senat. Im Jahr 2024 erhielten gut 329.000 Hamburger ab 65 Jahren gesetzliche, betriebliche und private Rentenleistungen. Im Durchschnitt waren es 18.495 Euro im Jahr – rund 1.541 Euro monatlich vor möglichen Abzügen. Damit lag Hamburg 3,7 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Eine der reichsten Städte Deutschlands zahlt ihren Rentnern im Durchschnitt weniger als der Rest der Republik. Gleichzeitig gehören Mieten, Nebenkosten und Lebenshaltungskosten in Hamburg zu den höchsten im Land. Ein Durchschnittswert von gut 1.500 Euro klingt vielleicht für weltfremde Senatoren noch erträglich. Nach Miete, Strom, Heizung, Versicherungen, Lebensmitteln und Medikamenten bleibt davon für viele jedoch kaum etwas übrig.

Mehr als 33.000 Hamburger im Rentenalter waren 2025 bereits auf Grundsicherung angewiesen. Gegenüber 2020 ist ihre Zahl um rund 21 Prozent gestiegen. Rund 70 Prozent müssen ihre Altersrente durch staatliche Hilfe aufstocken, weil die eigenen Ansprüche nicht zum Leben reichen. Und selbst diese erschreckende Zahl bildet das tatsächliche Ausmaß vermutlich nicht vollständig ab. Viele alte Menschen beantragen aus Scham, Unwissenheit oder Angst vor den Behörden keine Unterstützung.

Während Politiker unablässig von Respekt, Würde und sozialer Gerechtigkeit reden, stehen Rentner an der Supermarktkasse und legen Lebensmittel zurück. Sie reduzieren die Heizung, verzichten auf Zahnersatz, neue Kleidung oder den Besuch bei Freunden. Manche sammeln Pfandflaschen oder arbeiten weiter, obwohl ihr Körper längst nach Ruhe verlangt.

Das ist kein bedauerlicher Betriebsunfall. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen.

Über Jahrzehnte wurde das Rentensystem mit versicherungsfremden Leistungen belastet. Gleichzeitig wurden prekäre Beschäftigung, Teilzeit, Niedriglöhne und unterbrochene Erwerbsbiografien ausgeweitet. Die Inflation fraß Rentenerhöhungen auf, während explodierende Mieten und Energiekosten den letzten finanziellen Spielraum vernichteten. Zwischen 2020 und 2024 stiegen die Altersrenten langjährig Versicherter in Hamburg deutlich langsamer als die Verbraucherpreise.

Der Staat kassiert während des gesamten Arbeitslebens. Er kassiert Lohnsteuer, Mehrwertsteuer, Energiesteuer und Sozialbeiträge. Selbst im Ruhestand greift er weiter zu. Doch wenn nach 40 oder 45 Jahren Arbeit die Rente nicht reicht, wird den Betroffenen erklärt, sie könnten einen Antrag auf Grundsicherung stellen. Damit verwandelt man Menschen, die ihr Leben lang eingezahlt haben, in Bittsteller beim Amt.

Was für eine politische Bankrotterklärung!

Der Hamburger Senat schmückt sich gern mit dem Bild einer sozialen, weltoffenen und altersfreundlichen Stadt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Altersfreundlich ist eine Stadt nicht deshalb, weil sie Hochglanzbroschüren druckt, Aktionspläne verabschiedet und neue Beauftragte einsetzt. Altersfreundlich ist sie dann, wenn ein Rentner seine Wohnung bezahlen, vernünftig essen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, ohne beim Sozialamt die eigenen Verhältnisse offenlegen zu müssen.

Besonders zynisch ist, dass dieselbe Politik, die diese Zustände über Jahre verwaltet hat, sich anschließend als Retter der Betroffenen inszeniert. Erst werden Steuern, Abgaben, Energiepreise und Mieten in die Höhe getrieben. Danach verteilt man Zuschüsse, Härtefallhilfen und vergünstigte Tickets und erwartet dafür auch noch Dankbarkeit.

Nein, das ist keine soziale Politik. Das ist die Verwaltung selbst verursachter Not.

Hamburg braucht keine weiteren Sonntagsreden. Die Stadt braucht bezahlbaren Wohnraum, niedrigere Nebenkosten, einen ehrlichen Umgang mit den Ursachen der Altersarmut und wirksame Entlastungen für Menschen mit kleinen Renten. Vor allem aber braucht Deutschland eine Rentenversicherung, bei der Arbeit und jahrzehntelange Beitragszahlung wieder zu einem Alter in Würde führen.

Dazu gehört auch die unbequeme Debatte darüber, warum nicht alle Erwerbsgruppen nach vergleichbaren Regeln in dasselbe System einzahlen. Solange Politiker, Beamte und zahlreiche andere Gruppen außerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung abgesichert werden, während Arbeitnehmer ein immer instabileres System finanzieren sollen, bleibt jedes Gerede von Solidarität unglaubwürdig.

Wer sein Leben lang gearbeitet hat, darf im Alter nicht zum Sozialfall werden. Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht in den Reden ihrer Senatoren, sondern darin, wie sie mit den Menschen umgeht, die ihren Wohlstand geschaffen haben.

Hamburgs Rentner haben ihren Beitrag geleistet. Jetzt wäre die Politik an der Reihe. Doch statt endlich zu handeln, produziert sie weiter Schlagzeilen, Programme und Ausreden.

Für die Betroffenen bleibt währenddessen nur die bittere Erkenntnis: Jahrzehntelang einzahlen, im Alter verzichten – und sich von den Verantwortlichen anschließend erklären lassen, Hamburg sei eine soziale Stadt.